
Ägypten liegt im weltweiten wirtschaftlichen Vergleich knapp unterhalb der G20-Staaten auf Rang 26. Nach Südafrika ist es die größte Volkswirtschaft auf dem afrikanischen Kontinent.
Die Träger der diversifizierten Wirtschaft des Landes sind Textilindustrie, Nahrungsmittelbe- und -verarbeitung, Tourismus, chemische und pharmazeutische Industrie, Petrochemie, Zementindustrie, Bausektor, Metallverarbeitung, verschiedene Leichtindustrien (u.a. Automobilzulieferung, Glas- und Keramik) und die Landwirtschaft.
Wichtigste Deviseneinnahmequellen sind der Export von Erdöl und Erdgas, Tourismus, Durchfahrtsgebühren aus dem Betrieb des Suezkanals und Transferleistungen von Gastarbeitern. Daneben exportiert das Land Baumwolle, Textilien, Nahrungsmittel (landwirtschaftliche Produkte), Stahl und Eisen und verschiedene chemische Produkte (Kunstdünger).
Die Hauptabnehmerländer sind USA, Italien, Indien, Spanien, Saudi Arabien, Frankreich, und Libyen.
Auf der Importseite besteht Bedarf an Maschinen und Anlagen, Getreide, Nahrungsmittel, Holz, Kraftstoffe, Chemieprodukte. Für den deutschen Maschinenbau ist Ägypten der wichtigste Absatzmarkt in der arabischen Welt.
Die Hauptlieferländer sind USA, China, Deutschland, Italien und Saudi Arabien.
Zentrum der wirtschaftlichen Aktivitäten ist seit alters her das fruchtbare Tal des Nils, in dem auch die Mehrheit der Bevölkerung lebt.
Bis zum Ende der 90er Jahre war die ägyptische Wirtschaft aufgrund der Politik der Präsidenten Gamal Abdel Nasser und Anwar El Sadat noch stark zentralisiert. In den Jahren 2004-2008 erfolgte dann ein wirtschaftspolitischer Kurswechsel hin zu einer führenden Rolle des Privatsektors, der zu beeindruckenden Wachstumsraten und einem sprunghaften Anstieg ausländischer Direktinvestitionen führte. Im weltweiten Vergleich avancierte Ägypten zu einem der reformfreudigsten Staaten.
Im Rückblick zeigte sich allerdings, dass die von Weltbank und IMF ermutigten Privatisierungen weitgehend der politischen Führung und einer dieser nahestehenden elitären Unternehmerschicht zugutekamen.
Die damit unvermeidlich einhergehende Kombination aus Korruption und Nepotismus nahm der Mehrheit der zunehmend gut gebildeten und jungen Bevölkerung jegliche Entwicklungschance. Diese Stagnation gepaart mit Arbeitslosigkeit und hoher Inflation führte letztlich zu landesweiten Protesten, die im Sturz des Präsidenten Hosni Mubarak nach 30 Jahren Amtsinhaberschaft mündeten.
Die bestehende politische Volatilität belastet die Wirtschaft. Wesentlicher, stabilisierender Faktor ist das Militär, das das politische Leben nachhaltig beeinflusst und weite Teile der Wirtschaft dominiert. Quasimonopole im Armeebesitz umfassen Erdöl- und Erdgasförderung, Zementindustrie, Hotels, Olivenöl, Bausektor, Wasserwirtschaft sowie natürlich die Fertigung militärischer Ausrüstung in Kooperation mit den USA.
Trotz dieser momentanen Unwägbarkeiten ist Ägypten ein ressourcenreiches Land mit einer Reihe attraktiver Wachstumsbranchen.
Die als Festschrift zum 60jährigen Bestehen der AHK Ägypten neu aufgelegte Broschüre von GTAI „Ägypten im Fokus“ liefert hierzu Marktanalysen im Detail.
Bilateraler Handel
Trotz der insgesamt prekären gesamtwirtschaftlichen Lage wuchs das Volumen des deutsch-ägyptischen Warenaustauschs im Jahr 2012 um 2,18% auf 4.016 Mio. € (gegenüber dem Vorjahr 2011 mit 3.906 Mio. €).
Ägypten behauptet sich damit als drittwichtigster Handelspartner in der arabischen Welt hinter Saudi Arabien und den VAE.
Die deutschen Ausfuhren erreichten 2.603 Mio. € und gewannen damit gegenüber dem Vorjahresniveau +16,86 % bzw. +375,6 Mio. €.
Es zeigen sich gemischte Ergebnisse bei den traditionellen Hauptausfuhrgütern:
Kraftfahrzeuge + 45 % (328,4 Mio. €)
Pharmaprodukte + 20,6 % (140 Mio. €)
Maschinen u. Apparate + 9,6 % (630 Mio. €)
Fabrikationsanlagen - 77,2 % (7,7 Mio. €)
Die ägyptischen Lieferungen nach Deutschland nahmen um -15,83 % ab und sanken auf 1.412,6 Mio. € (-265,7Mio. €). Lediglich der Textil- und Bekleidungssektor erwies sich krisenresistent.
Mineralische Brennstoffe - 18,40 % (866 Mio. €)
Elektrotechnische Erzeugnisse + 8,19 % (64,1 Mio. €)
Bekleidung + 21 % (150 Mio. €)
Während der Absatz von Maschinen und Anlagen Verluste hinnehmen musste berichtet die chemische Industrie von einem erfreulichen Anziehen der Konjunktur.
Der Kfz-Sektor bereitet sich auf die mit der EU vereinbarte weitere Absenkung der Einfuhrzölle vor, die zwar das Montagegeschäft unrentabel werden lässt, dafür aber den Markt für Exporte und eine größere Modellvielfalt öffnet.
Medizintechnik, Informations- und Telekommunikationstechnik, Elektrotechnik- und Elektronikindustrie und zunehmend Aus- und Weiterbildung sind die Wachstumsbranchen des Landes und bieten Absatzchancen.
Langfristig allerdings wird das alte System der demografischen Entwicklung des Landes zum Opfer fallen. Eine durchgreifende Erneuerung des Bildungssystems, eine bessere regionale Verteilung des Steueraufkommens und eine Modernisierung der Landwirtschaft sind Schritte die früher oder später in Angriff genommen werden müssen.
Unternehmungen mit Partnern aus dem ägyptischen Privatsektor lassen sich mit gebotener Umsicht auch durchaus realisieren. Das bedeutet, sich bei Projekten und Investitionen über Partner, Auftraggeber und rechtliche Rahmenbedingungen sehr präzise zu informieren. Bei großen Vorhaben ist es geraten, Projekte jedenfalls solange im Wartestand zu belassen, bis behördlicherseits der Implementierung keine Hindernisse mehr im Weg stehen.
Investoren können nun auf Schnäppchenjagd gehen. Ägyptische Unternehmen verkaufen mangels Eigenkapital Fabrikanlagen und Gebäude, die zum Teil hochinteressante Vorteile bieten: Sie verfügen nämlich gegenüber einem Neuanfang auf der „grünen Wiese“ über eine gesicherte Versorgung mit Elektrizität und ggf. Gas.
Vor einer Investition ist aber nun zu prüfen, inwieweit diese unter den geänderten Rahmenbedingungen des islamischen Rechts geschützt sind.
In der näheren Zukunft wird der Schwerpunkt der bilateralen wirtschaftlichen Kooperation beim Liefergeschäft liegen. Hier ist ein unwiderrufliches, rückbestätigtes Akkreditiv obligatorisch und wird von einem seriösen Geschäftspartner auch akzeptiert.
Weiterhin stehen Milliardenprojekte beim Ausbau der Infrastruktur zur Ausschreibung an, die über internationale Geber auch finanziert werden.
Um diese Chancen zu nutzen, sollte jetzt Ausschau nach geeigneten Partnern vor Ort gehal¬ten werden, denn wenn erst einmal die Tenderverfahren laufen, wird es zur Bildung von Konsortien zu spät sein.